Doris Marszk

 

Wissenschaftliche Publikationen

zum russischen Verb (besonders Granularität): fett gedruckt

1988

"Polen-Litauen und der Untergang Alt-Livlands", Nordostarchiv 90, 1988, S. 57-80. "On the linguistic character of the Russian prostorecie", P.Hill / V. Lehmann (eds.): Standard language in the Slavic world, München 1988, S. 58-80.

Chronologische Funktionen des russischen Aspekts und seine Wiedergabe im Deutschen. Unveröffentl. Magisterarbeit, Hamburg 1988. 1993

"ChronoNarratio-Graphen: Ein Modell chrono-logischer Beziehungen in Erzähltexten", (zusammen mit Peter Langner), Linguistische Berichte 147, 1993, S. 409-435.

1994

"Die Granularität russischer Verben", Wiener Slawistischer Almanach 33, 1994, S. 195-206.

"Von der Vielfalt zum Vielzweck: Der Imperativ im Polnischen und im Deutschen", (zusammen mit Björn Hansen), Zeitschrift für Slawistik 39, 1994, 4, S. 28-46.

1995

"Granularität als lexikalische Kategorie sui generis", Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 37, 1995, S. 205-217.

"Granularität, Wahrnehmung und sensumotorische Erfahrung", Linguistische Beiträge zur Slavistik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. III. JungslavistInnen- Treffen Hamburg 1994, hrsg. von Horst Dippong. München 1995. S. 133-147.

1996

"Prostorecie in Briefen. Zum Schreibverhalten russischer Unterschichtsangehöriger", Linguistische Beiträge zur Slavistik aus Deutschland und Österreich. IV. JungslavistInnen-Treffen Frankfurt am Main 1995, hrsg. von Franz Schindler. München 1996. S.183-194.

Russische Verben und Granularität. München (= Specimina philologiae slavicae, Supplementband 47) 1996.

1997

"Grobe Verben und verborgene Geschichten", Slavistische Linguistik 1996. Referate des XXII. Konstanzer Slavisti-schen Arbeitstreffens in Potsdam, hrsg. von Peter Kosta und Elke Mann. (=Slavistische Beiträge 354) München 1997. S. 179-197.

PDF

"Der Luxus der Zweitkonjunktion im Polnischen", Linguistische Beiträge zur Slavistik. V. JungslavistInnen-Treffen Bautzen 1996, hrsg. von Jana Schulze und Eduard Werner. München 1997. S. 232-243.

"Episodizität und Referenz im ChronoNarratio-Graph", (zusammen mit Peter Langner), Rostocker Beitäge zur Sprachwissenschaft 4, 1997, S. 99-117.

1999

"Russischer Substandard", Handbuch der sprachwissenschaftlichen Russistik und ihrer Grenzdisziplinen, hrsg. von Helmut Jachnow. Wiesbaden 1999. S. 614-638.

"Zur Entwicklung von Granularität in Birkenrindentexten", Entwicklungen in slavischenSprachen, hrsg. von Tanja Anstatt. München 1999. S. 255-283. 2000

"Koinzidenz und Granularität - ein linguistischer Lösungsvorschlag für ein philosophisches Problem", Linguistische Beiträge zur Slavistik. VIII. JungslavistInnen- Treffen München 1999, hrsg. von F. Maurice und I. Mendoza. München 2000

2003

"Das Brunnentrinken: Rekonstruktion eines historischen europäischen Scripts", Entwicklungen in slavischen Sprachen 2, hrsg. von Tanja Anstatt und Björn Hansen. München 2003. S. 173-185

PDF

2008

„Sprichwörter als ‚Bernstein’ für jahrhundertealte Scripts“, Aspekte, Kategorien und Kontakte slavischer Sprachen: Festschrift für Volkmar Lehmann zum 65. Geburtstag, hrsg. von Bernhard Brehmer, Katrin Bente Fischer und Gertje Krumbholz. Hamburg 2008. S. 300-310

„Granularitätsphänomene als Parameter zur Unterscheidung von Realismus und Moderne“, Textkohärenz und Narration: Untersuchungen russischer Texte des Realismus und der Moderne, hrsg. von Robert Hodel und Volkmar Lehmann. Berlin – New York (= Narratologia: Contributions to Narrative Theory, Vol. 15) 2008. S. 307-329


Russische Verben und Granularität (München 1996)

von Doris Marszk


Zusammenfassung der Dissertation
Das Thema der Dissertation entstand aus der Entdeckung eines sonderbaren textuellen Phänomens: Die Komposition eines Textes, sei er mündlich oder schriftlich, muß so gestaltet sein, daß dicht beieinander stehende Prädikate zusammen eine homogene Körnigkeit ergeben. Ein Thema wie z.B. "Meine Erlebnisse der vorigen Woche" kann eher feinkörnig oder eher grobkörnig behandelt werden. Im ersteren Falle kann z.B. das Ritual des morgendlichen Aufstehens, der Weg zur Arbeit, die Drängelei im Bus u.ä. beschrieben werden. Im letzteren Falle würde man diese Dinge auslassen und die zentralen Ereignisse zusammenfassen, z.B. daß man umgezogen ist oder eine neue Arbeitsstelle angetreten hat. Es dürfen aber nicht beide Körnigkeiten vermischt werden.

Unzulässig ist so etwas wie
*Der Montag begann damit, daß der Wecker klingelte. Ich stellte ihn aus und zog um.
Dafür, ob die Körnigkeit stimmt, ist zum größten Teil das Verb verantwortlich. Daher ist es zum Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Arbeit geworden. Ein Verb ist mehr oder weniger fein oder mehr oder weniger grob. Um die Bestimmung dieser Verb-Körnigkeit zu operationalisieren, wurden verschiedene Tests entwickelt.
Auf der untersten Ebene steht der syntagmatische Test. Er zeigt eigentlich nur die Inkompatibilitäten verschiedener Verben untereinander auf. Im Deutlichkeitstest werden die sehr feinen Verben von den nicht-feinen Verben getrennt. Als sehr fein kann ein Verb eingestuft werden, wenn nicht nur angegeben werden kann, was das Verb bedeutet, sondern auch, wie der denotierte Vorgang vor sich geht. Dieser Test ist ein metasprachlicher Test insofern als die / der Untersuchende sich fragen muß "Was weiß ich über den genannten Vorgang?"
Der Augentest, der Handtest und der Unterbrechungstest, kurz AHU-Tests genannt, stellen empirische Tests dar, die mit russischen Muttersprachlern durchgeführt worden sind. Hier wurde das sprachliche Verhalten der Verben in Minimalkontexten getestet, die so gestaltet waren, daß die Akzeptanz oder die Ablehnung eines Verbs Aufschluß gab über die Konzeptualisierung der betreffenden Handlung oder des Vorgangs.
Die den Untersuchungen zugrundeliegende Annahme war, daß Granularität etwas mit der Wahrnehmung und der Welterfahrung des Menschen zu tun hat. Psychologische Forschungen zeigen, daß das Be-Greifen der uns umgebenden Dinge nicht nur zu unseren ersten Erfahrungen gehört, sondern daß wir es jahrelang üben, bis wir es zu einer gewissen Perfektion gebracht haben. Der Spracherwerb, der nach der Ausbildung der haptischen Fähigkeiten beginnt, ist in seinen Anfängen ganz an den sensumotorischen Erfahrungen orientiert. So liegt die Vermutung nahe, daß der Mensch im frühen Kindesalter lernt, Situationen „auszumessen“. Die Situationen, die am besten eingeübt sind, sind auch die am genauesten vermessenen. Es sind dies die Situationen Der Mensch mit sich selbst und Der Mensch und seine Sachen. Man kann hier statt von Situationen auch von Menschenmaßen sprechen. Als weitere Menschenmaße werden Der Mensch und ein anderer Mensch, Der Mensch und andere Menschen und Der Mensch und große Entitäten angenommen. Das Men-schenmaß, das ein Vorgang oder eine Situation hat, wird im Verb mit abgespeichert und bleibt dort als Bedeutungsanteil erhalten. Dieser Prozeß spielt sich nicht immer wieder ontogenetisch neu ab, sondern es wird davon ausgegangen, daß die Ausmessung im diachronen Prozeß gleichsam erstarrt ist.
Es konnte gezeigt werden, daß eine Korrelation zwischen den Testergebnissen eines Verbs und dem Menschenmaß des von ihm denotierten Vorgangs besteht. Wenn Verben in allen AHU-Tests positiv reagieren, haben in der Regel die von ihnen denotierten Vorgänge das Menschenmaß Der Mensch mit sich selbst oder Der Mensch und seine Sachen. Umgekehrt weisen Vorgänge oft das Menschenmaß Der Mensch und andere Menschen oder Der Mensch und große Entitäten auf, wenn die entsprechenden Verben in den AHU-Tests negativ reagiert haben.

Was nützt nun dem Sprecher die Granularität?
Daß Texte unterschiedliche Körnigkeiten haben, ist durchaus bedeutsam. Dadurch ist es möglich, z.B. in bestimmten Gebrauchstexten, in denen es darauf ankommt, den Hergang einer Handlung genau zu schildern, feinkörnig zu berichten, damit sie von anderen nachvollzogen werden kann. Will man jedoch nur etwas skizzieren oder einen Überblick über bestimmte Geschehnisse vermitteln, bedient man sich automatisch grober Verben.
Neben dem lebenspraktischen Nutzen, den die Feinkörnigkeit bietet, gibt es auch noch einen ästhetischen Nutzen. Durch Feinkörnigkeit kann Spannung erzeugt werden, und durch Spannung werden manche Geschichten erst interessant.
Was nützt den Linguisten das Wissen über Granularität?
Das Wissen über Granularität könnte in der Fremdsprachenvermittlung angewandt werden. Dort stellt sich immer wieder die Frage, welche Vokabeln für den Lerner wichtig sind. Diese Frage kann auch mit Blick auf die Granularität angegangen werden. Viele feine Verben sind beispielsweise erst dann notwendig, wenn der Lerner kleine Geschichten erzählt bzw. die fremdsprachige Literatur im Original liest. Hierzu zwei Beispiele. Vynimat ́ / vynut ́ (herausnehmen (aus einer Tasche oder einem Behälter)) und oboracivat ́sja / obernut ́sja (sich umdrehen) kommen in narrativen Texten oft vor; der Lerner wird aber vermutlich erst in einem späten Lernstadium diese Verben aktiv benötigen. (In welcher Situation erwähnt man oder spricht man über "sich umdrehen"?) Ähnliches gilt auch für einen Teil der bei den Russisch-Lernern berühmt-berüchtigten Verben der Bewegung, man denke etwa an Verben wie tascit ́ / taskat ́ (schleppen, ziehen, schleifen) und ihre Komposita.
Zu untersuchen wäre auch, inwieweit das Wissen über Granularität in der klinischen Linguistik nutzbar gemacht werden kann, z.B. bei der Diagnose und Therapie von Aphasien.
Diese Anwendungsmöglichkeiten konnten in der vorliegenden Arbeit bestenfalls angerissen werden, ihre ausführliche Untersuchung muß hier ein Desiderat bleiben.

Nachruf

Das Institut für Slavistik der Universität Hamburg trauert um seine langjährige Mitarbeiterin

Doris Marszk (1961 – 2011)

Doris Marszk studierte von 1981 bis 1989 an den Universitäten Göttingen und Hamburg Slavistik, Geschichte und Philosophie. Danach war sie am Institut als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Sprachwissenschaft (Russistik, Polonistik) tätig. 1995 promovierte sie bei Volkmar Lehmann mit einer viel beachteten Arbeit zur Granularität russischer Verben. Bis zuletzt war sie neben ihrer Tätigkeit als freie Wissenschaftsjournalistin und Übersetzerin dem Institut für Slavistik als Lehrbeauftragte für Russische Grammatik treu geblieben.

Doris Marszk ist am Sonntag, dem 24. Juli 2011, nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 50 Jahren in Hamburg gestorben. Sie hinterlässt eine große Lücke. Wir werden sie sehr vermissen und ihr stets ein ehrendes Andenken bewahren!

Im Namen der Geschäftsführung des Instituts Bernhard Brehmer